Auckland (Neuseeland) und Vanuatu 


Auf dem Weg nach Vanuatu mussten wir einen Zwischenaufenthalt in Auckland, der größten Stadt Neuseelands, einlegen. Wir kennen die Stadt aus Inzwischen einer langen Neuseelandreise und mehreren solcher Zwischenstopps. Ich mag die Stadt mit ihrer britischen Grundhaltung und ihrem gleichzeitig internationalen Flair.
Klar, dass wir nun wieder einmal auf den Skytower fahren mussten. Das ist oder war das höchste Gebäude der südlichen Hemisphäre, konnte aber mit den höchsten Türmen der nördlichen Erdhälfte nie mithalten.

Vanuatu
Als es dann weiterging, tauchten wir aus der kapitalistischen Hochkultur Neuseelands in die schlichte, nachkoloniale Welt des Inselstaates Vanuatu ein.
Mit „Air Vanuatu" flogen wir allerdings auf dem neuesten Stand der Technik nach Port Vila, der Hauptstadt. Mit gemischten Gefühlen und der Frage, ob die vereinbarte Abholung per Taxi klappen würde, landeten wir um Mitternacht auf der Insel „Efate“.

Efate
Ein freundlicher Taxifahrer erwartete uns und fuhr uns etliche Kilometer in die einsame Dunkelheit einer unbekannten und undurchschaubaren fremden Welt, ohne Straßenbeleuchtung und auf Schotterpisten. Taxis sind dort Pickup-Trucks oder Vans und sie unterscheiden sich von den Bussen durch ein "T" am Anfang des Nummernschildes, während letztere genauso aussehen, aber ein "B" dort zeigen. Beide bilden fast ausschließlich den durchaus lebhaften Verkehr in der Stadt.

Wir hatten ein hübsches Häuschen auf dem Grundstück der Vermieterin Charlotte gebucht. Und so war es auch, hübsch in einer Dschungelumgebung gelegen. Da es aber für Selbstversorger vorgesehen war und es inzwischen weit nach Mitternacht war, mussten wir notgedrungen hungrig und durstig schlafen gehen. Denn in unserem Häuschen gab es nichts außer Instantkaffee. An Einkaufen war nicht zu denken, von den Vermietern war niemand zu erreichen und wo wir waren, wussten wir auch nicht.
Am nächsten Morgen versuchten wir erneut, die Vermieterin zu erreichen, aber das gelang weiterhin nicht. Am Haupttor des Anwesens war keine Klingel, d.h. wir waren weiter auf uns selbst gestellt und Informationen gab es nirgendwo. Zum Glück hatten wir eine Inselrundfahrt auf Efate vorgebucht. Und wir trauten unseren Augen nicht, pünktlich wie vereinbart erschien ein Pickup-Truck mit Doppelkabine und zwei sehr netten jungen Männern, die uns abholen wollten. Die fuhren uns buchstäblich rund um die recht große Insel. Dazu muss man wissen, dass Port Vila, die Hauptstadt, aber auch die ganze Insel noch den am weitesten entwickelten Teil von Vanuatu darstellen. Vieles ist von den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich noch erhalten, die sogar zeitweise gemeinsam dort herrschten.
Auf unserer Rundfahrt besuchten wir eine Schule, die von einer Stiftung betrieben wird. Allgemeine Schulpflicht gibt es nicht. Die Kinder sangen uns ein Lied und wir waren von der allgemeinen Freundlichkeit und Fröhlichkeit auch der Lehrerin einmal mehr beeindruckt.
Weiter ging es zu einer blauen Lagune, wir sahen Wasserfälle, bestaunten den Fischreichtum der Binnengewässer, durchstreiften Dschungel, fanden die riesigen Kokoskrabben recht gruselig und landeten schließlich in einem Customvillage. 
In Vanuatu wird neben Englisch und Französisch auch die Sprache Bislama gesprochen und geschrieben. Sie ist ein Gemisch aus den Sprachen der Kolonialherren und etlichen völlig verschiedenen Stammessprachen. Ein berühmter Häuptling hat sie einst ersonnen und damit die kriegerisch verfeindeten Völker der Inseln zusammengeführt. In Bislama heißt engl. Custom Kastom. Kastom ist die Bezeichnung für die alten Bräuche der Ureinwohner, auf die diese sehr stolz sind und die sie Touristen in ebendiesen Dörfern vorführen. Dort wird ein Leben von vor 50 bis 100 Jahren und über Jahrhunderte vorgeführt, und das sehr glaubwürdig. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass alles Fake ist, denn es ist nicht wie bei uns ein Freilichtmuseum, sondern es wird meist bewohnt. Die Baströckchen etc. ziehen sich die Einwohner dann für die Touristen an. Es ist ihr Job.

Tanna
Den größten Teil unserer Zeit in Vanuatu verbrachten wir allerdings auf der Insel Tanna. "Dort erlebt ihr das echte Vanuatu", sagte man uns in Port Vila. Und so war es wohl auch. Ein winziger, recht bescheiden wirkender Flughafen empfing uns, die angekündigte Abholung war aber nicht vorhanden. Also sprang ein netter Nachbar ein und fuhr uns zu unserer Unterkunft. Wir hatten kein Hochglanz-Ressort gebucht, sondern ein bescheidenes Hüttendorf ausgesucht. Rezeption, Restaurant und Bar waren eine kleine Hütte aus Balken und Palmwedeln gebaut. Unsere eigene Hütte war vor 30 Jahren sicher einmal neu und schön, jetzt aber wirkte sie abgewohnt, durch Dauerputzen schäbig geworden. Der Koch, Jean-Marc, entpuppte sich als großer Lichtblick. Während seine Frau, die Rezeptionistin, die dauermissmutig wirkte und unsere Ankunft verpasst hatte, nicht wirklich umgänglich auftrat, war er sofort auf unserer Seite, als uns sein Essen schmeckte und ich auch noch berichtete, dass ich ein großer Freund des einheimischen Nationalgetränks Kava bin.

Kava
Kava ist ein Rauschgetränk ohne Alkohol, das aus den Seitenwurzeln des Kavastrauches (piper methysticum) zubereitet wird. Ich kenne es schon seit unserem Aufenthalt auf Fidschi und habe es mir zwischendurch öfters auf verschlungenen Wegen nach Deutschland bestellt. Die Insel Tanna hält davon die allgemein als beste angesehene Varietät bereit. Das war auch ein Grund für mich, dorthin zu wollen. Jean-Marc schlug also vor, uns das Heimatdorf seiner Frau zu zeigen und bei der Gelegenheit in eine Kava-Bar zu gehen, um den Trunk dort zu konsumieren. Gleich neben unserem kleinen Hüttendorf verbarg sich im Dschungel, aber auch gleich am Strand eine christliche Missionsstation mit Schule, Krankenhaus und Kirche. Neben dieser hatten sich viele Bewohner angesiedelt und bildeten das besagte Dorf. Wir lernten den Pastor kennen, ein recht jungen Kanadier, der am Strand kiffte und sich offenbar freute, wieder einmal Menschen aus der westlichen Welt zu begegnen.
Im Dorf war es inzwischen dunkel geworden. Trotzdem herrschte reger Verkehr auf der Dorfstraße. Eine Straßenbeleuchtung gab es freilich nicht, aber wir sahen ein winziges Lämpchen am Wegesrand knapp über unseren Köpfen glimmen. Dort war die Kava-Bar, die aus einer Bretterbude mit Ausschank bestand und einem gewissen Freiplatz mit wenigen klapprigen Sitzgelegenheiten davor. Wir genossen unseren Kava, der von zwielichtig wirkenden Männern in obskuren Plastikschüsseln mit der Hand zubereitet wurde. Dabei wird Kavapulver in einem Säckchen kalt in Wasser ausgedrückt und so vermischt. Das Ergebnis sieht aus wie überlang benutztes Spülwasser und schmeckt vielleicht auch so ähnlich. Das Erlebnis ist aber frappierend. Jedenfalls ist mir kein ähnlicher Rausch bekannt. Wir waren in dieser Situation in der Dunkelheit und leicht bedröhnt völlig ausgeliefert und hätten überfallen, ausgeraubt und ermordet werden können, aber die allgemein recht finster wirkenden Einwohner sind allesamt, wie wir sie kennengelernt haben, zuverlässige, freundliche und hilfsbereite Menschen. Aber Stammesgrenzen waren trotzdem deutlich zu erkennen. Unser Fahrer auf den Ausflügen grüßte Passanten nur über eine kleine Strecke, weil sie seinem Stamm angehörten. Weiter weg unterblieb das Grüßen, denn da waren keine Stammesangehörigen mehr auf der Straße.
An einem nächsten Abend schlug Jean-Marc vor, Kava in Plastikflaschen von einem Freund gleich zum Lagerfeuer bringen zu lassen, das jeden Abend neben dem Restaurant brannte. Um es kurz zu machen: An diesem Abend habe ich so viel Kava getrunken wie noch nie im Leben. Und das Ergebnis war, dass ich nicht mehr allein zu unserer Hütte gehen konnte, sondern gestützt und geschoben werden musste. Aber am nächsten Tag war alles wieder in Ordnung. Wahrscheinlich war das obskure Wasser, das zur Kavabereitung benutzt wurde, nicht völlig hygienisch. In den nächsten vier Wochen hatte ich die hässlichsten Probleme, die man andernorts "Montezumas Rache" nennen würde, was zu einem umfänglichen Kohlekonsum führte.

Mount Yasur
Natürlich wollte wir uns nicht nur zudröhnen, sondern auch diese wilde Insel erkunden. Das war aber leichter geplant als durchgeführt, denn außer einer von Chinesen asphaltierten Küstenstraße, die etwa die Hälfte der Insel befahrbar macht, gab es dort nur Schlammwege, oft durch den Dschungel. Unsere erste Fahrt sollte uns auf den Mount Yasur führen. Das ist der am längsten dauerhaft aktive Vulkan der Erde. Stundenlang ging es im Allrad-Pickup, teilweise mit einigen Einheimischen auf der Ladefläche, über Stock und Stein, durch den Dschungel und über riesige Lavasandflächen, auch durch Bäche und Flüsse. Drei Stunden wurden wir durchgeschüttelt, bis wir an einer Basisstation ankamen. Dort mussten wir erneut lange Kastom-Tänze und -gesänge anschauen, obwohl wir eigentlich auf den Vulkan wollten. Als es endlich weiter ging, ging es eine weitere dreiviertel Stunde über Rüttelpfade bergan. Als ich oben ankam - der Vulkan ist nicht übermäßig hoch - da stellte ich schnell fest, dass ich schlecht vorbereitet war. Ich fror wie ein Schneider angesichts eines doch kräftigen Windes. Um an den Rand des Kraters zu gelangen, war dann noch ein längerer Fußmarsch bergauf angesagt und  - ich kürze ab - ich schaffte nur die Hälfte, konnte zwar auch den berühmten Sonnenuntergang am Kraterrand bewundern, aber andere sahen halt tiefer in den Krater hinein, weil sie noch deutlich höher aufstiegen. Aber die waren alle 20 bis 30 Jahre jünger.
Der Rückweg fand im Dunkeln statt und ich bewunderte unseren Fahrer, dass er nur im Scheinwerferlicht den Rückweg überhaupt fand, denn stellenweise konnten wir nicht die geringsten Wegmarken erkennen.

Custom Village
Der nächste Ausflug führte uns in das mit Abstand beeindruckendste Custom-Village. Und das lag daran, dass die Menschen dort im Dschungel keine Rücksicht auf westliche Empfindlichkeiten nehmen. Sie lebten ein Leben, das dem ihrer Vorfahren sicher sehr ähnelte. Und das betrifft vor allem die Nacktheit der Frauen, die ihre Brüste großenteils offen zeigten und dem Schmuck der männlichen Bewohner, dem hochgebundenen Penisrohr.
Als ich Bilder davon in Facebook posten wollte, wurde mir das aus amerikanischer Prüderie als unerlaubte Darstellung von Nacktheit untersagt. Auch mein Einwand, es handele sich um ethnologische Dokumente, wurde dort nicht akzeptiert. Alle diese Fotos und Videos findet man deshalb hier auf meiner Website. Auch Youtube hatte genau dieses Video zeitweise entfernt aus denselben Gründen. Nach meiner Beschwerde hatte man aber die Einsicht, dass dort beim besten Willen keine sexuellen Bezüge zu sehen sind.
Wir erfreuten uns an Musik und Tanz, kauften ein paar Kleinigkeiten und wurden am Ende selbst noch beschenkt. Eine beeindruckende Erfahrung!


Zurück nach Port Vila, der "Flying Fox"
Vor der Abreise von Vanuatu mussten wir zurück nach Port Vila. Wir wohnten wieder bei Charlotte, die sich längst als aufmerksam, aber als Geschäftsfrau sehr beschäftigt herausgestellt hatte. Sie hatte uns auch als Französin in vierter Generation auf der Insel ein französisches Restaurant empfohlen, das wir schon bei unserem ersten Aufenthalt hier genossen hatten. Dabei hatte ich auf der Speisekarte etwas Seltsames gefunden: Flying Fox. Ich fragte den Patron und der erklärte, es handele sich um eine Riesenfledermaus, die auf Deutsch Fliegender Hund genannt wird. Meine Neugier war geweckt, denn ich habe noch nirgends eine exotische Speise ausgelassen. Also war ich entschlossen Flying Fox zu probieren, und das obwohl mir der Patron von seiner eigenen Spezialität abriet.
Er sollte recht behalten. Ich konnte nur wenige Bissen davon vertilgen, denn es sah so schrecklich aus, dass mir das große Würgen kam. Zudem war es mit einer stark schokoladigen Soße garniert, die irgendetwas am Geschmack überdecken sollte.
Da ging ich doch mit Christa und der attraktiven Frau unseres Stammtaxifahrers anschließend in eine Kava-Bar, um den Geschmack runterzuspülen...

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